Ein Jahr beim HTB62 oder:
Überleben ohne Beckenrand
Jahresrückblick einer Quereinsteigerin
"Und wenn du dann mal ganz große Lust hast kannst du auch in der untersten Stadtklasse 1 - in Worten "ein" - Spiel mitspielen."
Immer wieder klangen mir in den letzten Wochen diese Worte meines ehemaligen Schwimmlehrer-Anleiters Philipp Kopf in meinen Ohren. Grund genug, das letzte Jahr an mir Revue passieren zu lassen und euch an meinen Gedanken zu beteiligen.

Mutig fand ich mich schon letzten Sommer, als sich der Schwimmlehrer-Kurs dem Ende zuneigte und ich gerade mal 50 Meter kraulen konnte ohne beim Wenden wegen akuten Ertrinkens aufgeben zu müssen, bei Philipp nach seiner ominösen Wasserballgruppe nachzufragen.

Und so kreuzte ich an einem schönen Sommerabend im Kiwi auf, beladen mit einer Tüte voller Fladenbrote und gespannt, was mich erwarten würde. Das Geplänkel im Wasser und auf der Bierbank ließ sich ganz nett an, niemand schaute scheel als ich um Zigaretten bat. Als Klaus und Christian mit ihrer wasserballerischen Laufbahn eingeführt wurden, regten sich kurzzeitige Zweifel, ob ich beim richtigen Club anheuerte, aber ansonsten schienen es hier alles ganz normale Menschen zu sein - sollte ich mich täuschen???

"Lass dich faulen, lass dich faulen!!!"
Die ersten Wochen Grundausbildung:
Man stelle sich folgendes Szenario vor: Klose wird im eigenen Strafraum bedrängt, wirft sich in seinen Gegenspieler, nicht ohne den Ball etwas von sich wegzuspielen und dann so zu tun, als ob er von seinem Gegenspieler festgehalten würde. Mit erhobenen Armen hört er voll Genugtuung den Pfiff für seinen Freistoß - für mich als Fußballerin eine total absurde Situation.
Mal abgesehen davon, dass ich motorisch komplett überfordert war, der Forderung ("Lass dich faulen!") meiner TeamkollegInnen nachzukommen, hatten sich mein Verteidigungsverhalten bei Ballspielen bis dato durch zwei Grundsätze ausgezeichnet:
1. Ball sichern, 2. den Ball verteidigen bis aufs Messer. Nie im Leben wäre mir eingefallen, den Ball in der Hoffnung auf einen Freistoß "loszulassen". Es sollte noch Monate dauern, bis ich aus einem Zweikampf auftauchen und der Unparteiische mir den Ball zusprechen sollte.
Doch die wichtigste Lektion hatte ich bald verstanden: Das Training hatte zwei Teile:
Teil 1 bewegen im Budapester, Teil 2 abhängen im Millers - für viele keine Kneipe sondern eine Institution.

Erstes Spiel
Nach meiner Lust wurde nicht viel gefragt, es ging eher nach dem Motto "mitgehangen, mitgefangen" oder auch "mitgekommen, mitgeschwommen". Mich ereilte die leise Vermutung, bei der Unterzeichnung der Beitrittserklärung das Kleingedruckte nicht gelesen zu haben.
Krönende Spielerfahrung der Winterrunde: Es begab sich Mitte Dezember. Ich wurde im Spiel festgehalten. Dies war der eindeutige Beweis: Nun war ich gefährlich! Ich musste behindert werden!

Wichtiges Kapitel dieses Jahres: Damenduschraum.
"Duschen" als Synonym für die hohe Kunst des Tratschens, ins Leben gerufen in Hvide Sande, gepflegt vor, nach und in harten Fällen auch während des Trainings.
Hier wurden große Vorsätze geboren, einen Französisch-Kurs bei der Volkshochschule zu belegen, um im Wassersportgeschäft endlich standesgemäß mitreden zu können. Theorien wurden gesponnen, dass wir in einer getarnten Therapiegruppe von Profilneurotikern gelandet sind - sorry boys, wir hatten so einige Tiefs! Pläne entstanden, bei der Weihnachtsfeier, eine kleine Sketch- Einlage zu liefern. Über die Witze haben nur wir gelacht - die Premiere fiel aus, denn bei Lametta zum Nikolausspiel in Wilhelmsburg schied sich schon der Breitensport vom Olympischen Kader - ich geb´s zu, eine meiner Schwächen ist: Mir fehlt manchmal der nötige Ernst für die Sache - bin halt ´ne Breitensportschlampe - um so schöner, dass ich in dir, Ulrike eine Dusch-Kollegin gefunden habe, die diese Schwäche als Stärke betrachtet. Hoch lebe der NOK! Viva la IOC!

Hvide Sande die Zweite, halb krank und doch voll dabei: Morgens ohne Stimme und erst nach einer Kanne Tee mit viel Honig kommunikationsfähig klappte das Training besser als erhofft. Solange ich im Wasser die Klappe hielt war alles bestens, auch wenn ich damit der allgemeinen Forderung "Ihr müsst mehr miteinander kommunizieren" nicht nachkam. Die Stimme sparte ich mir da schon lieber für Gespräche am Strand, musizieren mit Micha, Jubel über erste Keit-Sprünge und Anekdoten-Stunden im Audi. Dem Gewitter bin ich entronnen!

Ich rolle, du rollst, er, sie, es rollt, wir rollen … - Saison-Auftakt im Olloweg. Spätestens jetzt war allen klar - gebt der Frau ein Regelwerk! Dank an Dirk!

Juni: Die Spätfolgen dieses Monats lassen sich wahrscheinlich erst bestimmen, wenn ich nach dem Sommerurlaub meinen Freundeskreis abtelefoniere und zu spüren bekomme, wer mein wahrhaftiges Abtauchen persönlich genommen hat. Dafür habe ich jetzt ein gutes Dutzend Leute, die ich gar nicht anrufen muss, denn ich sehe sie täglich!!! Wenn ich manchmal auch dachte, ich möchte andere Menschen sehen, dass kann es doch nicht gewesen sein, dass ich meine gesammelte Freizeit mit diesen wasserwütigen Chaoten verbringe, so war es doch eine schöne Zeit mit euch und hat mich über manch eine düstere Stimmung in diesem anstrengenden Vorsommer gebracht. Lumumba innen, Schlafsack außen, Blick auf das kommende Wasser vor Neuwerk, Bauchschmerzen vor Lachen, Leute: Aktiv-Wochenenden mit Euch sind prima!!!

Nur gut, dass meine Schutzbefohlenen über das Alter hinaus sind, in dem man Jahreszeiten und Monate vermittelt. Ich bin nämlich der Überzeugung, dass meine SchülerInnen dieses Jahr auf Nachfrage folgende Litanei "Januar, Februar, März, April, Mai, Wasserball, Juli, August,…" zum Besten gegeben hätten.

Am Ende der laufenden Saison bitte ich um Aktualisierung meines Steckbriefs. Unter sportliche Erfolge ist unweigerlich "Ich habe die Stadtliga überlebt" einzutragen. Zur Derniere am 3. 9.2003 im Olloweg laden Ulrike und ich. Wenn wir Mut haben, gibt's 'ne Augenweide.
An alle vielen Dank für Geduld und Anregungen und explizit mille grazie an Klaus, Dirk und Christian, die sich nie zu schade waren, wie die Sonderpädagogin so schön sagt, der Lernenden mit konkreten Übungssituationen auf ihrem Leistungsniveau angemessene Aufgaben zu bieten, die mir aus meiner Sicht wirkliche Quantensprünge ermöglichten.
Ahoi an Euch, ihr Verrückten - wir sehen uns im August jenseits des Beckenrands!

Fanni